05.11.17 Der „Traum“

Hallo liebe Leserinnen und Leser,

seit meinem letzten Text sind ein paar Tage vergangen. Na ja, das liegt einfach daran, dass mein Benutzer nicht nur Blogtexte schreibt, sondern auch noch arbeiten darf – so sagt er immer.

Das alles scheint ihm jede Menge Spaß zu machen. Denn jedesmal, wenn er mich aus meinem Verlies holt, hat er ein Pfeifen auf den Lippen und ein Lächeln im Gesicht.

Ich würde ja zu gern mal ein Gespräch mit ihm führen und ihn fragen, was ihn so antreibt und was er alles so macht. Und vor allem würde ich wahnsinnig gerne wissen, mit wem er eigentlich immer redet, wenn er mich wieder in mein Verlies gebracht hat.

Heute hatten wir übrigens wieder einen langen Tag nach seiner Arbeit. Im Kultviertel sind wir noch in sein Lieblingstheater gefahren, dem „Kult“ im Schimmelhof (ich würde zu gern wissen, warum der so heißt).

Danach wollte ich erstmal meine Schraubverbindungen, meine Seilzüge und meine diversen Pneus entspannen. Morgen würde bestimmt wieder ein interessanter Tag.

Nach einer Weile war mir, als würde ich meinen Benutzer an meiner Tür hören, und er sagte: „Schönen guten Morgen, Matilde.“

Meine Antwort kam prompt: „Moin, Benutzer …“

Ah!

Oh!

Ich habe gesprochen!

Was ist das – ein Zauber? Ein Fluch? Oder …

Kann er mich Verstehen ?

Benutzer: „Oh – guten Morgen, Matilde. Wird aber auch mal Zeit, dass du was sagst.“

Ich: „Wie – du kannst mich verstehen? Was ist passiert? Zauberei? Oder ist die Welt untergegangen? Sind wir im Himmel …?

Benutzer: „Nein, nichts von alledem.“

Ich: „Das ist ja klasse! Ich habe soviel Fragen!“

Benutzer: „Na dann, Matilde – leg los. Was möchtest du wissen? Wir haben noch Zeit bis wir losmüssen.“

Ich: „Warum stehe ich zusammen mit diesem Verhüllten in dieser nach allem möglichen stinkenden Umgebung und nicht bei dir zu Hause?“

Benutzer: „Das Verhüllte ist kein ,Er’ sondern eine ,Sie’ und das Fahrzeug einer Freundin. Sie steht hier bei dir, weil ihre Benutzerin für ein paar Monate in einem anderen Land lebt.“

Ich: „Warum sagt die Verhüllte nichts?“

Benutzer: „Sie ist sehr traurig, weil sie hier allein ist. Vielleicht ändert sich das ja nach unserem Gespräch heute.“

Ich: „Benutzer, sag mal: Was machst du so, wenn du nicht mit mir unterwegs bist? Was du

machst, wenn wir beide zusammen sind, ist ja klar. Werbung durch die Gegend

fahren …“

Benutzer: „Wie kommst du denn auf den Gedanken, Werbung durch die Gegend zu fahren sei mein Beruf ? Ich putze Treppenhäuser, Büros und andere Räume. Die Werbung, die überall an den Flächen, am Rahmen oder direkt an deiner Holzschachtel klebt, ist zu drei Vierteln von meinen Reinigungs-Stammkunden. Das ist ein extra Service von mir. Natürlich bekomme ich dafür Geld.“

Ich: „Ist Putzen das, was du auch mit diesen merkwürdigen Flächen aus Siliciumdioxid

(SiO2), Natriumoxid (Na2O) und Calciumoxid (CaO) machst?“

Benutzer: „Ja, Matilde. Wir Menschen nennen es einfach Glas.“

Ich: „Ah – deshalb stehe ich an so schönen wie auch merkwürdigen Orten. Und im Theater putzt du auch – oder soll ich ,Reinigen’ sagen?“

Benutzer: „Nein, im Theater putze ich nicht, da bin ich zum Vergnügen. Du musst wissen: Nicht alle Menschen habe den gleichen Beruf. Ein paar putzen, ein paar schrauben, ein paar machen Musik oder schreiben Texte oder korrigieren sie.

Ich: „Ach, das klingt sehr interessant. Und ich bin ein Teil vom dem, was du tust.“

Benutzer: „Ja, du bist ein wichtiger Teil. Du hältst mich fit und gesund, sodass ich meine Arbeit weitermachen kann.“

Ich: „Warum hast du immer Töne auf den Lippen wenn wir unterwegs sind?“

Benutzer: „Das nennt sich pfeifen, um meine gute Laune zum Ausdruck zu bringen und um die Welt ein wenig freundlicher zu machen.“

Ich: „Danke. Sag mal, mit wem redest du immer, wenn du mich abends in meine Verlies gesperrt hast? Ich höre nur deine stimme.“

Benutzer: „Ich telefoniere mit Freunden und Freundinnen, um dieses und jenes zu besprechen.“

Ich: „Ein Telefon – ist das dieser kleine schwarze Kasten, den du ab und zu auf meiner Trittfläche ablegst?“

Benutzer: „Ja, genau! Er verbindet mich mit der Stadt und der Welt …“

Oh – es knirscht um mein Verlies so komisch. Das Knirschen wird lauter. Plötzlich ein Knall!

Ah – der Benutzer ist weg, es ist stockfinster. Auch die Schaben und Mäuse sind starr vor Angst. Draußen muss was Großes umgefallen sein.

Schade – war alles nur ein Traum. Na ja, niemals die Hoffnung aufgeben! Vielleicht kann mich mein Benutzer eines Tage ja wirklich mal verstehen …

Eine schöne Zeit wünsche ich euch,

eure Matilde

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Glas#Gemenge

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